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"Maka Male"

oder "Die Geschichte zum Einschlafen"
von Percy für Sylvia

(Kursiv geschriebener Text ist für dieses Märchen nicht vorzulesen, hat aber dennoch einen hoffentlich nicht geringen Spaßeffekt)

Vor langer, langer Zeit, als es noch viele Wälder gab, und auch viele unheimliche Wälder, gab es zudem noch einen ganz besonderen Wald. Kein Vogel war in ihm zu sehen oder zu hören, kein Reh suchte Schutz in den dichten Sträuchern, kein Eichhörnchen war auf den dicken schweren Ästen zu finden, kein Wildschwein rieb seinen Rücken an den alten verwachsenen Stämmen. (kein Bär schubberte sich...)
Keine Tierstimme war in diesem Wald zu hören. Nur ein zäher Wind, der die alten Bäume zum knarren und die dichten Blätter zum zischen brachten, spielte tiefe Pfeiftöne in den vielen geisterhaften Aushöhlungen der Baumstämme, als würde der Wald rufen: Geeeeeehhhh weeeeehg - geeeeehhhh weeeeeeehhhg. Kein Mensch wagte, es in diesen Wald zu gehen. Man sagte ihm unheimliche Dinge nach. Das dort Hexen ihre Versammlungen abhalten sollten, oder daß Drachen dort in dunklen Höhlen darauf warteten, daß ein Mensch vorbeiziehen würde, der gefressen werden könnte. Auch viele verzauberte Waldwesen sollen dort ihr Unheil treiben, und jeder, der einen erblicken würde, sollte ebenfalls zu einem dieser Geschöpfe verwandelt werden und den Wald nie wieder verlassen können. Selbst die Mönche der Gegend warnten in ihren Kundgebungen vor den teuflischen Mächten, die diesen Wald eingenommen hätten und sprachen stetig makaber maleficium, was soviel heißt wie "düstere Hexerei", so daß der Wald bald sein Namen bekam: "Maka Male".

Nahe des Waldes, ein bis zwei Stunden Fußweg entfernt, gab es ein kleines Dorf. Die Menschen, die dort lebten, waren in ihrem einfachen Leben sehr zufrieden aber fürchten sich vor fremden Dingen und vor Maka Male. Fremde sahen sie sehr selten, da der einzige Weg zu diesem Dorf an Maka Male vorbeiführte. Die Mär, das dieser Wald jeden verschlingt, der sich ihm nähert, ging noch weit in die Lande hinaus, so daß dieser Weg, soweit es ging, gemieden wurde. Aber das Dorf, hatte einzigartige Schafe mit einer ganz besonderen Wolle. Viel weicher und robuster als normale Schafwolle. Somit kamen doch ab und zu einige Händler vorbei, um diese Wolle zu kaufen.
Eines Tages aber kam ein fremder Mann in das Dorf. Er trug seltsame Gewänder, sein Blick war starr und ebenso faszinierend. (er hatte spitze Ohren...) Sein Haar war dicht und tief schwarz. Ruhigen Schrittes trat er in das Dorf ein. Und sein Gang war so eigenwillig, daß er den Bewohnern des Dorfes sofort auffiel, die sich, einer nach dem anderen, auf der große Straße sammelten, um den Fremden zu bestaunen.
Der Mann blieb plötzlich stehen, ohne dabei seinen Blick auf die Versammlung zu richten.
Ein großes Schweigen war in das Dorf gekehrt. Niemand wagte es, den Mann anzusprechen.

"Maka Male" sprach der Fremde mit tiefer, erschöpfter Stimme. Und ein Zucken und Raunen ging durch die Bewohner des Dorfes. Dann folgte wieder Schweigen.
"Ich bin dort gewesen" sprach der Fremde!
"Dort..." raunte es wieder "in mak...". Niemand wagte es, den Namen ein zweites mal auszusprechen.
Ein junges Mädchen aber war so neugierig, daß sie auf den Mann zuging, an seinem dunkelbraunen Mantel zog und fragte: "Du warst in Maka Male? Aber ich denke kein Mensch würde da wieder rauskommen! Erzähl uns, was dir dort passiert ist! ... Bitte"
Der Mann beugte sich zu dem Mädchen und setzte sich auf den steinigen Sandweg und fing an zu erzählen.
"Ich hatte vor längerer Zeit eine Geschichte gehört, daß es einen Wald geben solle, der so dicht und furchterregend sein soll , voller unheimlicher Wesen, daß man ihn nie betreten könne. Aber in der Mitte des Waldes, umrahmt von Dornenbüschen gäbe es einen See, der so klares Wasser hat, daß wenn man hineinblickt, sein eigenes Spiegelbild sehen könne."
"Aber das kann man doch in vielen Seen" sprach das Mädchen.
"In diesem See aber sollte man nicht sein Äußeres, sondern seine Seele wiederspiegeln können und somit erfahren, welche Begabungen man hat!" Die Dorfbewohner waren nun dicht an die beiden herangerückt, um in atemloser Spannung die Geschichte zu hören.
"Und so fragte ich in vielen Dörfern, ob jemand von einem solchen Wald wisse! Und auf meinem Weg in diese Lande, spürte ich immer mehr Änsgte und hörte dann zum erstenmal den Namen Ma..." die Dorfbewohner zuckten schon bei diesem Ansatz, und der Mann sprach den Namen nicht noch einmal aus.
Und so stand ich nun davor. Angst durchfuhr mich bei diesen unnatürlichen Geräuschen, die der Wald von sich gab. Aber einmal zu erfahren, was das besondere an mir ist, ließ meine Angst ein wenig verdrängen und ich trat in den Wald ein. Seine Bäume, Äste und Blätter waren so dicht, daß kaum Licht durchdringen konnte. Der Boden schien eher Grau als Grün. Überall wuchsen Pilze und lange Pfäden von lianenhaften Gewächsen machten den Weg in das Innere des Waldes sehr schwer. Jedoch fand ich dann einen See, mit einer spiegelglatten Oberfläche. Obwohl ein kalter Wind bließ, rührte sich keine Welle auf dem Wasser. Und ich trat an das Ufer und..." Der Mann zögerte. "Eh, was ist?" fragte das Mädchen, "was hast Du gesehen". Der Mann stand auf, blickte starr in die Menge und sprach: "Ich muß gehen! Aber eines möchte ich euch mit auf den Weg geben: Meidet Maka Male, so ihr nicht sicher sein könnt, alles das zu tragen, was euch darinnen begegnet!" Der Mann setzte seinen ruhigen gleichmäßigen Schritt fort. Alle Dorfbewohner waren so erstarrt, daß keiner ihn zu halten versuchte. Nur das Mädchen rannte hinter ihm her, zog weiter an seinem staubigen Mantel und bettelte mehr zu erfahren. Im mer weiter lief sie mit, bis ihre Mutter sie endlich zurückrief und der Mann hinter den Sträuchern des weiterführenden Weges verschwand.

"Ich weiß nicht, was ich kann, und ich will das auch wissen" flüsterte sie mit traurigem Blick.
Noch viele Nächte konnte sie nicht schlafen, weil sie so sehr an die Erzählung des Fremden dachte, bis sie eines Nachts all ihren Mut zusammennahm, sich heimlich aus dem Haus schlich und auf den Weg nach Maka Male machte. In dieser Nacht war Vollmond und die Wege waren hell erleuchtet, so daß man sich nicht fürchten brauchte, bis sie nach einer Stunde an den Rand des Hexenwaldes geriet und zögerte. Der Wind schien wieder zu rufen "Geeeeeeehhh weeeehhhg". Aber das Mädchen war so neugierig, daß sie den ersten Schritt in den Wald machte. Überall krachten Äste, der Boden knisterte bei jedem Schritt, der Wind brachte die Blätter in kurzen Abständen zum heftigen Rauschen, daß es wie Zischen einer Hexe klang. Das Mädchen hatte große Angst und wollte doch lieber wieder nach Hause, sie fand aber den Weg, den sie in den Wald gegangen war, nicht wieder und irrte umher, ohne dabei zu merken, daß sie immer tiefer in Maka Male eindrang.
Das Licht wurde dunkler und plötzlich verstummte der Wind. Alle Bäume und Blätter standen still. Bis auf ein Baum. Ein richtig großer Baum schien seine Äste zu bewegen, als seien sie Arme. Ein Rindenhöhle schien sich zu einem Gesicht zu formen. Das Mädchen erschrak sehr. Und dann fing der Baum mit sehr tiefer Stimme an zu sperchen: (dumdidumdidum Kekse) "Wer bist du, was störst du unseren Frieden?" "ich...ich...ich möchte..." wisperte das Mädchen. "Sprich lauter!" sagte der Baum. "Ich bin ein sehr alter Baum, um nicht zu sagen der (Ä)älteste Baum in diesem Wald, ich höre nicht mehr so gut - Also. Was willst Du hier?" "Ich möchte den klaren See finden, um zu erfahren worin ich begabt bin!" sprach das Mädchen nun lauter. "Ich habe nie einen See gesehen" erwiderte der Baum, "aber ich stehe auch schon, solange ich lebe, an dieser Stelle. Aber ich habe davon munkeln gehört" und der Baum schlief ein. "Munkeln gehört? Wer hat darüber geredet. Hey alter Baum, los sag was". Aber der Baum war starr, wie jeder andere Baum auch. Das Mädchen ging weiter. Sie war jetzt achtsamer nach diesem eigenartigen Erlebnis. Immer ausschau haltend nach den Bäumen, sah sie nicht mehr wohin sie trat, bis ein lautes hohes "AU" ihren Kopf nach unten schrecken ließ. Nichts war zu sehen. "Ist da wer?" fragte das Mädchen. "Hmph, hmmmm, humm (ho hooo hoo ho pffrlrlrl) Sie hob Ihren Fuß und sah ein kleines Männchen mit großen spitzen Ohren. "Pass' doch auf wo do hüntrrüttst. Du ungehobeltes Ding", sprach es mit hochnäsiger und hoch tönender Stimme. "Was hast Do überhaupt hürr zu sochen?" "Ich suche einen klaren See, den es in diesem Wald geben soll" sprach das Mädchen erregt. Und der Gnom erwiderte: "Oinen Söö? Wönn du baden wüllst, gehe woanders hin. Jömanden derr unserr Wasserr vörrschmutzt, brrauchön wür nöcht!" "Nein, ich will nicht baden! Ich suche das klare Wasser in dem man seine Seele sehen können soll, um zu erfahren, welche Begabungen man hat. Weißt Du wo er ist?" fragte das Mädchen. "Öch woiss wohl, wo düserr Söö ist, aberr warrum wöllst du wüssen, was do kannst?", wollte nun der Gnom wissen. Und das Mädchen antwortete: "Immer wenn ich andere Menschen sehe, machen die irgendetwas, jeder kann irgendetwas, nur ich nicht. Ich möchte auch wissen wozu ich da bin" "Wohörr soll üch das wössen. Jödörr muss sölbst wössen, wozu örr do ist!", gab der Gnom zur Antwort. "Weist du denn warum du da bist?" fragte das Mädchen. "Natörrlich! Ich bönn dazu da, um die kleinen Pölze in den Boden zu sötzen, damöt sie rronterfallönde Blätterr zersetzön und der ganze Dröck hürr nicht rrumlögt - Dörr Wald wörde sonst Sterrbön. Und das macht mir Frroide, weil die Pilze so besonders dankbar sönd und fürr möch frröliche Löderr singen".
Das Mädchen war jetzt schon sehr müde, wollte aber dennoch wissen, wie zu diesem See kommt. Und fragte noch einmal danach. Aber der Gnom war schon wieder so im Pilzsetzen vertieft, daß er zwar noch so etwas wie eine Wegbeschreibung stammelte, das Mädchen aber gar nichts damit anfangen konnte, da viel zu viele Abbiegungen und "Ecken rechts" und "Wege links" darin vorkamen. Und so ging sie auf eigene Faust weiter, bis sie vor lauter Müdigkeit in weichem Moos niedersank und einschlief.

Nach wenigen Stunden, es war immer noch Nacht, das sah sie an dem noch scheinenden Mond, wurde sie von einem hellen Licht geweckt. Sie stand auf und wollte sich dem Licht nähern, aber mit jedem Schritt in diese Richtung entfernte sich das Licht wieder. Eine ganze Weile folgte das Mädchen, bis es an den klaren silbernen See kam. Sie erkannte in dem Licht einen Engel, der ihr mit einem Lächeln und einem Augenschlag alles Gute zu wünschen schien und dabei langsam verschwand.
Sie blickte in den See und sah sich. Ihr Bild veränderte sich, und sie sah eine erwachsene Frau umgeben von Menschen. Auch einige Bewohner des Dorfes , die sie kannte, waren dabei, nur viel älter. Wie sie vertrauend um sie herum stehen und ihren Worten lauschen. Sie sieht den Wald Maka Male voller Vögel und Rehe und Eichhörnchen (die sich ihre Nasen und Gesichter mit ihren kleinen Pfoten gegenseitig zudrücken). Und Pilger, die in das Dorf ziehen, um die besondere Wolle gegen andere Wertsachen zu tauschen. Und sie sah, daß es keinen Grund gibt,Angst vor diesem Wald zu haben. Und bei diesem lebendigen Anblick - wachte sie auf. Sie lag noch immer auf dem Moos. Das helle Licht hatte sie nur geträumt. Die Sonne ging auf und sie bemerkte erst jetzt, wie furchtlos sie dem Baum und dem Gnom begegnet war. Und der Wald verlor mit einem mal seine Schrecken, die von den anderen berichtet wurden. Und das Mädchen ging nach Hause und begann ihre Geschichte zu erzählen. Natürlich war sie noch zu jung um glaubwürdig zu sein. Aber im Laufe der Jahre, gewann Sie durch Ihren neu gefassten Mut höheres Ansehen bei den Dorfbewohnern, die ihr nach und nach Glauben schenkten. Sie wurde für viele der Berater bei bevorstehenden Geschäften, Prüfungen und Ähnlichem.
Und mit der Zeit verlor man auch die Angst vor dem Wald, der dennoch nie seinen Namen verlor. Und wenn man heute, ganz alleine, in einem stillen Moment doch mal richtig hinhört, bemerkt man vielleicht eine leise hohe Stimme die sich bei singenden Pilzen bedankt.

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